10. Juni 2008...10:45

“Selbstmord begehen aus Angst vor dem Sterben”

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(SSp) - Manchmal habe ich das Gefühl, die Zeitungsbranche verhält sich im Augenblick wie ein Ameisenvolk, in dessen stattlichen Haufen ein Kind einen Stock gesteckt hat: Der sonst so perfekt organisierte Staat ist in Aufruhr und alles rennt wie wild durcheinander. Statt Konzentration herrscht Chaos und jeder versucht zu fliehen - egal in welche Richtung. Auch wenn die Schäden gar nicht so groß sind.

Und dann bekomme ich doch auch wieder Meinungen zu lesen, die sich scheinbar mit etwas mehr Ruhe den Themen annehmen, die die Branche beschäftigen. So zum Beispiel heute bei Welt Online (welt.de), wo sich Springer-Vorstand Mathias Döpfner sicher ist: “Der Journalismus lebt”. Er rät: Jetzt bloß nicht gleich Selbstmord begehen aus Angst vor dem Sterben! Recht hat er - auch wenn ich seine Meinung nicht in allen Punkten teile!

“Wir stehen kurz vor dem Untergang, denn alles im Verlagsgeschäft ändert sich. Wir werden nur dann nicht untergehen, wenn wir alles anders machen als bisher.”

Der Journalismus lebt - und wir stehen gleichzeitig kurz vor dem Untergang? Es ist klar, worauf Döpfner hinaus will:

“Als Informationsträger wird das Papier ersetzt werden. Durch elektronisches Papier. Als Funktion ist die Zeitung unersetzbar.”

Man mag sich darüber streiten, wann ob bzw. wann die Ablösung des Papiers stattfinden wird. Eines ist sicher: Den Verlagen wäre diese Ablösung nur Recht, schließlich ließen sich dann die hohen Kosten für Herstellung und Distribution sparen.

Einerseits sagt Döpfner also das Sterben der auf Papier gedruckten Zeitung voraus (”Denn davon bin ich überzeugt: Die Zukunft der Zeitung ist digital.”), andererseits sieht er eine klare Rollentrennung zwischen (digitaler) Zeitung und dem Internet:

“Die Zeitung wirkt erweiternd, das Internet vertiefend.”

Soll heißen: Die Zeitung sorgt auch in digitaler Form für die Erweiterung unseres Horizonts (Stichwort Agenda Setting), während wir im Internet ganz konkrete Fragen beantwortet haben wollen. Mmmh. Aber wie bitte werden denn die Grenzen zwischen Internet und einer dann digitalen Zeitung gezogen? In dem klassisches Papier durch digitales Papier ersetzt wird, die Medien an sich aber getrennt bleiben? Das ist doch heute schon nicht mehr so - und in Zukunft werden die Grenzen nur weiter verschwimmen. Das kann das Problem der Zeitungen doch nicht wirklich lösen?!

Und dann folgen noch weitere Aussagen, die mich nachdenklich stimmen:

“Wenn jede Information für jedermann jederzeit überall verfügbar ist, dann wächst das Bedürfnis nach Orientierung, Auswahl oder dem, was den guten Zeitungsjournalisten ausmacht: Führung.”

“Leser wollen nicht ständig selbst entscheiden. Man will ja auch nicht immer selbst kochen, wenn man Hunger hat.”

Das sehe ich zwar genau so, die Lösung gefällt mir aber nicht. Denn die digitale Zeitung unterscheidet sich für mich nicht von der gedruckten. Beide lösen mein Problem der Informationsüberflutung nicht. Ich unterscheide meine Informationsbedürfnisse wie folgt:

  1. Laufender Informationsbedarf: Hier will ich nicht jedes Mal selber entscheiden, was für mich relevant ist. Mein RSS-Reader quillt über, aber nur ein kleiner Teil der Nachrichten interessiert mich privat oder beruflich tatsächlich. Also will ich einen Filter definieren können, der für mich eine Vorauswahl trifft und mir dann nur noch das liefert, was wirklich wichtig ist.
  2. Genuss: Am Wochenende oder im Zug nehme ich auch gerne mal eine Zeitung in die Hand. Und dann lasse ich mich auch gerne von einem Zeitungsjournalisten “führen” - zu neuen Themen, auf die ich selber vielleicht nicht gekommen wäre. Wenn es sein muss auch auf digitalem Papier. Aber eben nur, wenn ich die Zeit dazu habe.

Ich bezweifle jedoch, dass mein Genuss-Konsum helfen wird, die aktuellen Problem der Zeitungsverlage wirklich zu lösen. Und für meinen laufenden Informationsbedarf ist mir Döpfners Lösung einfach zu schwach. Erst Recht wenn er sagt:

“Die Internet-Site der Zukunft hat nicht fünfzig, sondern fünfzig Millionen Reporter.”

Hilfe!

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