4. Mai 2008...15:31

New York Times - Der Branchenprimus hat husten…

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(AH) - Ich bin ja noch neu in diesem Blog-Geschäft. Und auch noch nicht so lange wieder in Deutschland (davor in den USA tätig). Und daher dachte ich eigentlich die Miseren der New York Times (NYT) bzw. der NYT-Company mit ihren Gesellschaftern und dem Markt wären bekannt. Nun sprach ich gestern mit einem Zeitungsmann aus Stuttgart der mir voll Inbrunst erzählte “NYT sollte man sein; denen geht es halt noch gut.” Und als ich dann mal mit ein paar Freunden plauderte merkte ich; die denken ja echt, dass es dem Traditionshaus noch super geht… Und heute lese ich einen abgeschriebenen Artikel zum Thema in der Horizont aus der amerikanischen Vanity Fair (ob das gut der schlecht ist wäre fast schon wieder einen eigenen Blogeintrag wert).

Also; hier mal die ganze Story, um alles in Relation zu setzen:

Startschuss für eine ganze Reihe heftigster Gespräche gab folgende Aussage auf dem Davoser Weltwirtschaftsgipfel im Februar 2007, den die Ha’aretz (gehört übrigens zu 25% zur Kölner DuMont-Gruppe) so wiedergab:

“I really don’t know whether we’ll be printing the Times in five years, and you know what? I don’t care either.”

Harte Worte. Vor allem für all die Leute, die die Gruppe im Satz, Produktion, Vorstufe, Druck, Versand und Logistik beschäftigt. Schätze mal, das betraf 60% der Belegschaft. Natürlich wurde darauf hin schnell zurückgerudert, denn Leser, Mitarbeiter und Investoren reagierten äußert sensibel auf diese Aussage. Der New York Oberserver hat hier und hier guten Hintergrund dazu, sollte jemand mehr darüber lesen wollen.

Jetzt der Sprung in die Gegenwart. Ein gutes Jahr nach der unglimpflichen Anmerkung hat die NYT eines der schlechtesten ersten Quartale hingelegt in der Firmengeschichte. Und das schreiben sie selbst. Danach ist der Verlust von $ 335.000 zurückzuführen auf schwache Anzeigengeschäfte in Print und Online. Diese sanken um 10,6% was deutlich höher ist als der Branchendurchschnitt von 8% in der gleichen Zeit (Quelle: NAA).

Aber auch die Auflagen machen zu schaffen. Ein Minus von 5,3% an Wochentagen und 7,8% sonntags sind März 2008 im Vergleich zum Vorjahr zu verzeichnen (ABC FAS-FAX). Autsch. Dennoch konnten die Vertriebsumsätze durch Preissteigerungen um 1,9% nach oben geschraubt werden. Half aber alles nichts; der Gruppen-Umsatz sank um 5,7% auf 748 Millionen Dollar (von 786 Millionen Dollar im Vorjahr).

Und der Kapitalmarkt bewertet die Lage des Unternehmens kritisch. So sank der Börsenwert des Unternehmens von 7 auf 2,8 Millarden Dollar. Grund dafür ist, was so ziemlich an allen Schuld hat schaut man sich die heutigen Printmedien an: Der Publikumsschwund, dem nach ökonomischem Prinzip auch die Anzeigen-Dollar folgen. In den USA lese nämlich nur noch 19% der 18-34-Jährigen Zeitung bzw. haben sie mal in der Hand. Abonniert wird sie in dieser Zielgruppe kaum. Das hebt das Durchschnittsalter der US-Leser auf 55 Jahre.

Das bemerkte der Londoner Morgan Stanley Portfolio Manager Hassan Elmasry, als er sich mal die Unternehmen in seinem Fond besser anschaute und ihm viel vor allem auf, dass die NYT eine zweiklassige Aktienstruktur hat, die es der Sulzberger-Familie erlaubt mit nur 20% Klasse-A-Aktien über 70% Klasse-B-Stimmrecht zu haben. Dies zur Sprache gebracht brach ein kleiner Investoren-Krieg aus, der zunächst zum Verkauf der neun TV-Sender führte. In letzter Instanz, als die Sulzberger-Familie dem Druck der Investoren einfach nicht nachgeben wollte, verkaufte Morgan Stanley das 7,2%%-Klasse-A-Aktienpaket im Oktober 2007 und drückte den Aktienpreis dadurch auf ein Rekord-Tief von 15 $ (2002: 52$).

Also - Typisch für Zeitungsverleger: Das Glück wird im Internet gesucht. Da muss es doch irgendwo sein (erinnert mich immer wieder an Big Lebowski). Und dort macht die NYT ja auch keinen schlechten Job; Reichweiten-mäßig. Die Umsätze können aber keine schwarze Zahlen schreiben geschweige denn den Sinkflug aus Print auffangen. Dazu kommt noch, dass das Wachstum der Online-Werbeerlöse zurückgeht: Von 31,5% 2006 auf 19,9% in 2007. Und mit Inhalten ist Online ja kein Geld zu verdienen.
Um die Unabhängigkeit von Investoren zu bewahren (in meinen Augen ein legitimes Anliegen für ein journalistisches Medium) muss also der Aktienwert steigen (da alle anderen Einkünfte schrumpfen). Aber dazu muss es den operativen Profit (was am Monatsende übrig ist) von 8% auf den Branchenstandard von 13-22% anheben. Und wie macht man das: Man feuert; wie jetzt angekündigt 100 der 1,332 Mitarbeiter, in der Hoffnung die Börse schöpfe eben diese wieder. Aber da müssten die 100 der Anfang sein; nicht das Ende.

Was macht man also mit einer so wertvollen Marke, so viel Vertrauen und so vielen aufmerksamen Lesern in einer Unternehmung, die mit Papier auf das vermeintlich falsche Pferd gesetzt hat? Man sucht sich einen Käufer. Hier gibt es mehrere Szenarien, von von Warren Buffet über Rupert Murdoch (Washington Post Company) und Michael Bloomberg bis hin zu dem freien Markt bzw. einfach dem höchsten Bieter. Das verrückte ist ja, dass die Sulzbergs sich das durch die Aktienstruktur aussuchen können…

Die NYT wird also ein spannendes 2008 vor sich haben und wahrscheinlich mit einem neuen Besitzer in das neue Jahr gehen. Ich würde ja Folgendes machen:

  • Weg vom Abo, hin zu einer flexibleren Zustellung mit Premium-Preis
  • Das Medien- und Markenportfolio endlich einmal strategisch verknüpfen
  • Stärker in ausländischen Märkten auftreten (vielleicht anderssprachige Ausgaben wie WSJ)
  • Das Internet als Eintrittspunkt in die Verlags-Markenwelt sehen und nicht als finale Destination

Es gibt sicherlich noch weitere schlaue Gedenken, was die “Graue Dame” (Spitzname der NYT) so anstellen könnte, um wieder auf einen grünen Zweig zu kommen und doch nicht in fünf Jahren die Druckhäuser zumachen zu müssen. Aber so wie es heute aussieht ist das Szenario gar nicht mehr so weit weg; auch wenn börsennotierte Verlagsunternehmen immer noch 17% Umsatzrendite im Schnitt einfahren.

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